Helge Schneider über Urbanität & Innenstädte: Die Eduscho-Kaffeebuden sind von Handy-Shops ersetzt worden. Helge Schneider, Musiker & Entertainer, der in Mülheim an der Ruhr aufwuchs und lebt, über fehlende Urbanität in Innenstädten – ein Ausschnitt aus einem Interview in 1live PlanB am 16. Dezember 2009.
Till Haase: Was
kann man in Mülheim sonst noch machen, außer mit seinen Hunden herumzulaufen?
Helge Schneider:
Ja. Hm. Wie soll ich sagen – nicht mehr viel. Die Innenstädte, nicht nur in Mülheim,
die werden ja so leer. Die sind ja fast menschenleer.
Weil die Geschäfte, die da sind, die geben alle auf. Und
dann geht da keiner mehr hin, und mit dem Auto kannst du da ja auch nicht
herfahren, ist ja immer Fußgängerzone, und dann kommen da andere Geschäfte hin
und dann geht da keiner mehr hin. Das ist dann sehr langweilig, also gerade in
unserer Stadt, da fällt mir das wirklich sehr auf, dass viele, viele Geschäfte
da rausgehen und somit auch diese Urbanität verloren geht. Das ist ja nur noch Fußgängerzone
und – mit nix. Ich glaube, irgendwann gibt es auch nicht mehr diese
Handy-Läden, das ist ja überall so. Die ist ja wohl sehr interessant, diese
Handy-Läden. Es gibt ja sehr viele
und das ist alles ganz wichtig und man kann sich da beraten lassen.
Till Haase: Man
kann sich sehr viel beraten lassen.
Helge Schneider:
Man kann sich sehr viele Handys kaufen. Das ist eine komische Kultur. Dafür
gibt`s dann keine Kneipen. Du kannst dich also nicht da mal hinsetzen und ein
Bier trinken oder so.In Großstädten
wie Köln gibt es eben noch diese ureingesessenen Kneipen, aber in so einer
kleinen oder mittelgroßen Stadt, da sehe ich im Moment wenig Hoffnung, dass man
da in absehbarer Zeit sich wirklich wohlfühlen kann.
Till Haase: Sind
Handy-Läden der Ersatz für die Kaffeebuden, wo du dir früher Anregungen für
Dialoge und Sketche geholt hast?
Helge Schneider:
Nee. Eigentlich nicht.
Till Haase: Wo
kriegst du die heute?
Helge Schneider:
Keine Ahnung, vielleicht im, wie heißt das, im Zugrestaurant. Vielleicht, aber
dann da, wo man stehen muss, im Bordrestaurant. Also DIE Impressionen, die ich
damals hatte, als ich meine Hörspiele gemacht hatte, die habe ich mit
Sicherheit nicht mehr so. Weil dadurch, dass auch so Läden wie Eduscho
weggehen, dadurch kommen ja auch die alten Leute nicht mehr raus. Es wird ja
immer beschwerlicher. Man spricht davon, dass es leichter sein müsste auch für
Behinderte, aber im Gegenteil: Dadurch, dass es auch so langweilig geworden
ist, wird es für die alten Leute auch beschwerlicher. Früher sind die alten
Leute gerne mal da hin gegangen, Kaffee trinken für 30 Pfennig, da den ganzen
Tag rumstehen, labern ohne Ende, am nächsten Tag wieder. Das geht ja nicht.
Wenn die alten Leute jetzt in die Stadt gehen – wo sollen die denn hingehen? Die
treffen sich nicht mehr. Nur Schaufenster gucken, was auch noch ginge, macht
einfach keinen Spaß mehr. Also bleibt man mit seiner Schaufensterkrankheit
zuhause, ne?
Till Haase: Findest
du, dass damit ein großes Stück Ruhrgebietskultur kaputt gegangen ist?
Helge Schneider:
Auf jeden Fall!
Till Haase: Und
findest du, dass das Ruhrgebiet trotzdem zu Recht Kulturhauptstadt 2010
geworden ist?
Helge Schneider: Ich
sag mal: Warum soll das nicht Kulturhauptstadt 2010 heißen – das ist doch
scheißegal, wie das heißt. Ich weiß nur: Die Seele des Ruhrgebiets wird dadurch
nicht verkauft werden. Dass wir im Ruhrgebiet so leben können, das basiert auf
vielen, vielen Menschen, die da ihr Leben praktisch ruiniert haben, untertage,
und das kann man nicht verleugnen und das sollte man auch nicht verkennen. Ich
glaube nicht, dass man das übertünchen kann mit irgendeiner „Marke“.
Ausschnitt aus: Helge Schneider im 1live Plan B Talk,
Moderation Till Haase auf Sendung am 16. Dezember 2009; WDR1live