Im Winter 2003 fand der letzte Winterschlussverkauf statt.
Schlussverkäufe gibt es seitdem nicht mehr. Eine über hundertjährige Geschichte wurde vom Gesetzgeber höchstpersönlich für beendet erklärt. Eineinhalb Jahr später ist Sommerschlussverkauf, obwohl der Sommer noch gar nicht zu Ende ist.
Manche behaupten sogar, in Deutschland fange er erst, wenn überhaupt, im folgenden Monat an. Aber das ist ein meteorologisches Problem, für das der Fach-, also der Kachelmann verantwortlich ist. In meinen Zuständigkeitsbereich dagegen fallen Sonderangebote, beziehungsweise eben Schlussverkäufe, die es nicht mehr gibt und jetzt doch wieder.
Verstehen Sie das? Müssen Sie auch nicht. Ist ja ohnehin alles Wurst. Und Käse. Und Kraut und Rüben. Und Topflappen mit Obstmotiv. Und Strechcordhosen. Und Edelstahlmarkenchampagnerverschlüsse und Spaghettiportionierschablonen. Und Handys und PCs und vorgekochter Industriefertigschweinefraß in Familienturnierverpackungsgrößen und im Single-Pack und und und. Der ganze Schnäppchenplunder eben, mit dem sich der sogenannte Endverbraucher im nicht enden wollenden kalenderunabhängigen Dauerschlussverkauf das Dasein zumüllt.
Mit Verachtung blickt der alteuropäische Kulturmensch in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo ein Dokumentarfilmer nach vier Wochen Selbstversuch mit Dauerernährung beim Burger-Brater impotent wurde. Nach dem Kinobesuch trinkt der angewiderte Cineast noch einen Automaten-Latte-Macchiato in der Gastro-Mall des Movie-Centers, räsoniert mit seinen gleichgeschalteten Freunden noch ein wenig über die verfetteten Amis und radelt mit dem günstig geschnappten Alu-Bike vom Discounter in die von McElch ausgestattete praktisch-aber-mit-Stil-Wohnzelle, wo er sich vor dem Schlaf der Gerechten schnell noch eine Tiefkühlpizza ins Rohr schiebt.
Zum Sex kommt`s auch in der USA-Provinz Germany nicht mehr so oft. Das ist wissenschaftlich durch. Sie wissen schon: Das demographische Problem – Deutschland vergreist. In Federbetten wird nur noch gewühlt, wenn sie zu Schleuderpreisen verramscht werden. Geiz ist auch hier seit langem ganzjährig so geil, dass Original-Geschlechtsverkehr vom Konsumenten nicht mehr nachgefragt wird.
Geiz und Habgier machen hässlich. Als wäre sie vom Todsündenpärchen geklont, quillt unansehnliche Verbrauchermasse ladenschlussbefreit in überall gleiche Schnäppchen-Vorstadthöllen und lädt sich Billigundviel in die Karre.
Und damit ja niemand vergisst, dass das alles gut und richtig ist, befiehlt die allgegenwärtige Rabattpropagandamaschine in endloser Schleife: Genuss fängt beim Einkauf an!!!
Also: Schmeißen Sie sich ins pralle Leben! Genießen Sie die Jahreszeit! Irgendeine! Kaufen Sie was Billiges! Und Schluss.
Fritz Eckenga; aus dem Band "Du bist Deutschland? Ich bin einkaufen", Edition Tiamat, Berlin, 2006





